Erfahre alles über die Biomechanik der Wiesenschaumzikade. Wie Resilin und Katapult-Mechanismen sie zum Sprung-Weltmeister im Naturgarten machen.
Wenn du im Frühsommer durch deinen Garten gehst und den sogenannten Kuckucksspeichel an den Stängeln der Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea) oder des Echten Labkrauts (Galium verum) entdeckst, begegnest du einem physikalischen Phänomen. In diesem Schaumnest verbirgt sich die Larve der Wiesenschaumzikade (Philaenus spumarius). Während die Larve noch sesshaft und geschützt lebt, entwickeln die erwachsenen Tiere im Hochsommer eine Fähigkeit, die sie zu den leistungsfähigsten Springern im gesamten Tierreich macht.
In der Biomechanik – der Lehre von den Bewegungsabläufen biologischer Systeme – stoßen Muskeln an physikalische Grenzen. Ein Muskel kann sich nur mit einer begrenzten Geschwindigkeit zusammenziehen. Um die enorme Höhe von bis zu 70 Zentimetern zu erreichen, müsste die Wiesenschaumzikade eine Kraft aufwenden, die ihre Muskelmasse theoretisch um das Hundertfache übersteigt. Die Lösung der Natur ist ein mechanischer Trick: die Energiespeicherung.
Die Wiesenschaumzikade nutzt einen sogenannten Sperrklinken-Mechanismus. Dabei werden die Hinterbeine in einer speziellen Halterung am Brustabschnitt (Thorax) arretiert. Die Muskeln spannen sich langsam an, doch das Insekt bewegt sich zunächst nicht. Die Energie wird in einem bogenförmigen Skelettelement, der Metafurca (einer inneren Skelettstruktur im Brustbereich), gespeichert.
Der entscheidende Baustoff für diesen Energiespeicher ist Resilin. Dabei handelt es sich um ein Protein mit gummiähnlichen Eigenschaften, das nahezu verlustfrei Energie aufnehmen und schlagartig wieder abgeben kann. Wenn die Zikade den Sperrmechanismus löst, entlädt sich die gespeicherte Energie in Millisekunden.
Zum Vergleich: Ein Mensch, der einen Sprung aus den Knien vollführt, erreicht eine Beschleunigung von etwa zwei bis drei G (dem Vielfachen der Erdbeschleunigung). Die Wiesenschaumzikade erreicht beim Absprung eine Beschleunigung von über 4.000 G. Das ist etwa das Vierhundertfache dessen, was ein Jetpilot bei extremen Flugmanövern ertragen muss.
Um die Leistung der Wiesenschaumzikade einzuordnen, hilft ein Blick auf andere Insektenarten, die du in den Gärten Mitteleuropas beobachten kannst.
| Insektenart | Sprunghöhe/-weite | Mechanismus | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Wiesenschaumzikade (Philaenus spumarius) | bis 70 cm (Höhe) | Katapult (Resilin-Bogen) | Höchste Beschleunigung im Tierreich |
| Menschenfloh (Pulex irritans) | bis 20 cm (Höhe) | Resilin-Polster im Hinterbein | Nutzt die Schienbeine als Hebel |
| Feldheuschrecke (Chorthippus) | bis 100 cm (Weite) | Lange Hinterbeine (Hebelwirkung) | Kombination aus Muskelkraft und Sehnenelastizität |
| Schnellkäfer (Elateridae) | bis 30 cm (Höhe) | Dorn-Grube-Mechanismus | Springt aus der Rückenlage ohne Beinnutzung |
Bei der Wiesenschaumzikade sitzen die Sprungbeine sehr nah am Schwerpunkt des Körpers. Die Hinterbeine (Extremitäten) sind so konstruiert, dass sie beim Absprung synchron ausgelöst werden. Würde ein Bein nur den Bruchteil einer Millisekunde früher auslösen, würde das Tier unkontrolliert zur Seite trudeln. Die Koordination erfolgt über ein mechanisches Getriebe: Winzige Zähnchen an den Hüftgelenken (Trochanter) greifen ineinander und garantieren, dass beide Beine exakt zeitgleich auslösen.
Warum betreibt die Natur diesen enormen konstruktiven Aufwand? Der Sprung ist die effektivste Verteidigungsstrategie. Vögel wie der Haussperling (Passer domesticus) oder räuberische Insekten wie die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) haben kaum eine Chance, ein Tier zu fixieren, das innerhalb von einer Millisekunde aus dem Sichtfeld verschwindet.
Für dich als Gartenbesitzer bedeutet die Anwesenheit dieser Tiere, dass dein Garten ein funktionierendes Ökosystem darstellt. Die Zikaden sind Teil der Nahrungskette und ihre biomechanische Spezialisierung zeigt, wie fein abgestimmt die Evolution auf den Lebensraum Wiese reagiert hat.
Zikaden nutzen ein größeres Skelettelement als Energiespeicher (Metafurca), das mehr elastische Energie aufnehmen kann als die kleinen Polster des Flohs.
Resilin ist ein elastisches Protein in Insektengelenken, das kinetische Energie speichert und mit einem Wirkungsgrad von fast 97 % schlagartig wieder abgibt.
Nein, da das Exoskelett (Außenskelett) aus Chitin sehr stabil ist und die inneren Organe durch die gleichmäßige Kraftverteilung geschützt sind.
Erwachsene Wiesenschaumzikaden (Philaenus spumarius) sind vor allem in den warmen Monaten Juli und August aktiv und sprungbereit.
Hauptartikel: Wiesenschaumzikade & Kuckucksspeichel: Schädling oder Nützling im Naturgarten?




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